Süddeutsche Zeitung, 24.05.2016
Von Thekla Krauseneck, Eurasburg

Kinder der Beuerberger Grundschule drehen einen Film über einen brasilianischen Straßenjungen. Die Filmemacherin Ingrun Finke ist mit der Kamera dabei, aber die kreativen Ideen kommen von den Viertklässlern selbst.

Die grenzenlose Fantasie der Kinder ist ein Gut, um das man sie beneiden darf: Sie bauen sich eine Hütte und verwandeln sie in das Elternhaus eines brasilianischen Jungen, und sie träumen sich mit geschlossenen Augen in ferne Länder, ohne sich vom Fleck zu rühren. Unter der Regie der Drehbuchautorin und Filmemacherin Ingrun Finke fließt diese kreative Energie an der Grundschule Beuerberg in den Film “Viele Kinder, eine Welt” – ein Film von Kindern für Kinder. Angeleitet werden die Viertklässler von Finke, die zu Hause nach den Ideen der Schüler Schritt für Schritt das Drehbuch entwickelt, und ihrer Lehrerin Katharina Bolzmacher, die in der Schule mit den Kindern recherchiert und die Handlung weiterstrickt.

Die basiert auf dem Jugendbuch “Carlos kann doch Tore schießen” des Autors Andreas Venzke, das die Klasse im Vorjahr als Schullektüre gelesen hat. Das Buch handelt von dem brasilianischen Straßenjungen Carlos, der den Traum von der Fußballkarriere träumt. Weil er von einem namhaften Verein entdeckt werden will, strengt er sich an – doch momentan will es mit dem Toreschießen einfach nicht klappen. Bis ihm der Großvater eines Tages einen geheimnisvollen Schnürsenkel schenkt, der der Fußballlegende Pelé gehört haben soll. Von da an geht es bergauf.

Die Beuerberger Grundschüler fügen dieser Handlung eine weitere hinzu: In dieser geht es um eine junge, kreative Schriftstellerin, gespielt von der zehnjährigen Marie Feuchtmeyer, die sich in ihrer Fantasie nach Brasilien versetzt; nicht nur in Gedanken, sondern durch die Kraft eines Zauberers tatsächlich mit Leib und Seele. Die Autorin, die immer ihr großes, buntes Notizbuch im Schlepptau hat, begegnet in Brasilien – einer ihr völlig fremden Welt – Carlos und seinen Freunden, die arm, aber lebensfroh auf dem Platz den Fußball rollen lassen. Doch so wie Carlos, den die Selbstzweifel am Erfolg hindern, leidet auch die Autorin unter einem Skeptiker: einem Kobold mit kunterbuntem Haar, der ihr in die Fantasiereisen pfuscht und diese für hanebüchenen Unsinn hält.

Manuel Hoffmann, ein ernster und zurückhaltender Bub, spielt die Hautrolle des Straßenjungen Carlos. “Fast alle haben gesagt: Du kannst gut Fußballspielen, und da hab ich gesagt: Okay, dann mach ich halt jetzt die Hauptrolle”, sagt der Zehnjährige. Auch privat steht Manuel gerne auf dem Platz, genauer gesagt: im Tor. Als Carlos ist es sein Ziel, den Ball ins Netz zu schießen, beim SV Eurasburg-Beuerberg dagegen hat er die Aufgabe, Bälle zu halten. In Brasilien sei er noch nie gewesen, sagt Manuel, für den Film aber muss er sich in die ferne Lebenskultur hineindenken, die oft von ganz alltäglichen Dingen geprägt wird – wie dem Waschen von Kartoffeln zusammen mit den Eltern, dem Opa und den Geschwistern. Carlos’ Hütte steht am Sportplatz der Grundschule Beuerberg, gebaut wurde sie – ganz real – von anderen Schülern als kleiner Treffpunkt.

Auch Maries Rolle passt zu ihr wie keine andere: Nicht nur in der Schule greife sie zu Stift und Papier, erzählt das Mädchen, erst vor kurzem habe sie ihrem kleinen Bruder eine Geschichte über einen Osterhasen geschrieben und zu einem Buch gebunden. In Katharina Bolzmacher hat die Klasse eine Lehrerin, die das Schreiben und Geschichtenerfinden fördert: “Wir haben in der Klasse zuletzt ganz viel geschrieben”, erzählt Bolzmacher. “Dabei ist eine ganz tolle Geschichte herausgekommen, in der es darum geht, dass sich die Kinder wünschen, dass auf der Welt weniger Krieg und mehr Frieden ist.” Die Geschichte handelt von Luca und einem Zauberbuch, das durch seinen Willen den Krieg in anderen Ländern beendet. Im Unterricht recherchiert Bolzmacher etwa mit den Kindern, wie die Situation der Straßenkinder in Brasilien ist. Der Film sei daher nicht nur reine Fiktion, sondern auch eine Art Dokumentation. Nach der Recherche arbeiten die Kinder mit ihrer Lehrerin die Handlung aus, die im Groben bereits allen bekannt sei, sagt Bolzmacher. Finke übernimmt das Schreiben des Drehbuchs, doch während des Drehs kommt es noch einmal zu lauter kleinen Anpassungen, die die Kinder intuitiv vornehmen. So gelangte der Kobold, den die neunjährige Anna- Lena Huber verkörpert, zu einer witzig-frechen Rolle, obwohl er ursprünglich einen ernsten Charakter haben sollte.

Finke nennt diese Art von Film ein “Awareness-Projekt”, also ein Bewusstseinsprojekt. “Wie bekommt man Kinder dazu, sich spielerisch mit dieser Geschichte zu befassen?” Mit dieser Frage sei sie im vergangenen Herbst an die Arbeit gegangen. Inzwischen zeigt sich: Die Kinder sind hoch motiviert dabei. Dass sich der Film um Brasilien drehen soll, haben sie selbst entschieden. Marie hat sich ihr Notizbuch selbst gebastelt, auch die anderen Requisiten und Bühnenbilder erschaffen die Kinder gänzlich in Eigenregie. Manchmal studieren sie ein brasilianisches Lied ein, manchmal malen sie sich dunkle Schmutzspuren an die Arme und in die Gesichter, um zu Straßenkindern zu werden. Und nebenbei lernen sie etwas fürs Leben, zum Beispiel über den ewigen Zweifel. “Was immer man auch macht, es gibt immer einen Skeptiker, der hinterfragt”, sagt Finke.

Finanziert wird das Projekt von Firmen aus der Region und privaten Spendern.
Besonders für die Postproduktion sucht Finke derzeit noch Geldgeber. Vor den Sommerferien soll der Film fertig werden. Finke hofft auf den Sprung auf die große Leinwand: Den fertigen Film, der auch auf DVD erscheinen soll, will sie bei verschiedenen Festivals einreichen.