Münchner Merkur, 05.02.2019
Interview mit Filmemacherin aus Weßling – von Stefan Sessling

Ingrun Finke, 57, aus Weßling im Landkreis Starnberg dreht seit 35 Jahren Kinderfilme. Mit der Klasse 3g der Grundschule Söcking hat sie gerade einen Film über Mobbing auf die Leinwand gebracht.

Weßling – Der Film heißt “Julia und die Freundschaftssteine” und dauert 60 Minuten. Inzwischen zeigen mehrere Grundschulen in Oberbayern den Film im Unterricht.

Wie kommt man auf die Idee, einen Film über Mobbing zu drehen?
Ich drehe Kinderfilme auf Augenhöhe. Filme, die das ausdrücken, was Kinder wirklich brauchen. Mobbing ist ein Riesenthema. Es gibt Kinder, die sich umbringen, weil sie von den Klassenkameraden böse SMS bekommen. Da will ich was dagegen tun.

Sie haben ein halbes Jahr mit den Schülern aus Söcking gearbeitet und ein 200-seitiges Drehbuch entwickelt. Was haben Ihnen die Schüler erzählt? Warum werden Kinder gemobbt?
Weil man zu klein ist, zu dick, zu dünn, zu groß. Eine Antwort war: „Ich habe Sprachschwierigkeit und werde deswegen gemobbt.“ Oder: „Ich bin in Mathe eine totale Null, weil ich da gar nichts auf die Reihe bekomme.“ Die Gründe für Mobbing sind meistens furchtbar banal. Beim Film ist der Auslöser, dass eine Schülerin einen falschen Schulranzen hat, nämlich den von einem Erstklässler. Obwohl sie schon in der dritten Klasse ist. So was kann schon ausreichen.

Wie geht’s weiter?
Durch die Kraft der Freundschaftssteine und der Zauberer, die ihr helfen, versteht das Mädchen langsam, dass die Feindschaft, die ihr entgegenschlägt, gar nichts mit ihr zu tun hat.

Was kann man aus dem Film lernen?
Dass man viel stärker ist, als man denkt. Wenn man Mobbing durchschaut, dann kann man erkennen, dass man die eigenen Schwächen als großes Potenzial nutzen kann.

Warum gibt es so was wie Mobbing?
Anscheinend brauchen wir alle unsere Feindbilder. Es kommt ganz bestimmt auch von dem Leistungsdruck, den die Kinder selber haben. Es gibt viele Formen von Mobbing, die manche Kinder in völlige Isolation führen – auch neue Formen wie manipulierte Fotos auf Instagram, die einen lächerlich machen.

Sie arbeiten viel mit Kindern. Gibt es eine Geschichte, die Ihnen besonders nahegegangen ist?
Einer meiner jungen Schauspieler, mit dem ich vor einiger Zeit gedreht habe, war Legastheniker Er war ein ganz kleiner, süßer Bub. Das war an der Grundschule Beuerberg im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, wo „Maries Zauberwünsche und das Geheimnis der Schnürsenkel“ entstanden ist. Er wollte erst gar nicht mitspielen, dann haben wir gesagt: „Du kannst auch nur ganz wenige Sätze sagen.“ Später hat er dann eine Regie-Assistentin bekommen, das war natürlich auch ein Kind. Die Assistentin hat ihm die Sätze vorgelesen – und dann hat er die Sätze ganz, ganz langsam gesprochen. Als er bei der Film-Premiere saß, war er so, so stolz. Ein wunderbarer Moment.

Was passiert mit Kindern, die gemobbt werden – und keine Unterstützung bekommen?
Wenn man das Thema nicht frühzeitig auflöst, dann wird es darauf hinauslaufen, dass gemobbte Kinder als Erwachsene den Druck weitergeben. Dann wird aus einem Mobbing- Opfer ein Mobber. Diese ganzen Psychotherapie-Praxen, die aus dem Boden schießen, worum geht es denn da bei den Sitzungen? Natürlich immer um die Kindheit. War dein Latein-Lehrer böse? Hat ein Klassenkamerad dich in der Kindheit verletzt? Wenn man beim Thema Mobbing Prävention betreibt, dann kommt es gar nicht erst dazu. Deswegen sind Filme wie meine wichtig. Wir planen dieses Jahr vier bis sechs neue Kinderfilme an Schulen – und suchen dringend Sponsoren.

Wenn Lehrer Ihre Filme im Unterricht zeigen wollen – was müssen sie tun?
Sie müssen sich einfach bei mir melden. Wenn es zeitlich geht, bringe ich ein paar Kinder mit in die Schule, die in „Julia und die Freundschaftssteine“ mitgespielt haben. Kinder können Kindern am besten erklären, was wichtig ist.